Vorgeschichtlich

Dienstag, 10. Februar 2004

Here I Stand

Here I Stand

Das Geht mir bis heute Ab. Kann mich nicht Hinstellen & einfach voll da Sein, mit beiden füssen fest auf der erde. Kann nicht Sagen "Hier Stehe Ich", weil’s nicht Stimmt. Weil ich eben NICHT vollständig hier Stehe.
Stattdessen Bleibe ich ein gespenst, das durch mein leben Spukt & mich dabei selber in angst & schrecken Versetzt.
Ich Kann nicht Sagen "Hier Stehe Ich – bedingungslos", weil ich Glaube für diesen flecken erde miete Zahlen zu Müssen. & wenn ich damit in verzug Gerate, Lande ich auf der strasse, Werde ins nächste flugzeug Gesteckt & nach Belutschistan Abgeschoben.
In so einer – vermeintlich – prekären lage Ist Überleben das höchste der gefühle, mir selber was gutes zu Tun ein viel zu hohes risiko. Wenn das mein bewährungshelfer Mitkriegt!!

Rise Up – daran Ist schon gar nicht zu Denken. "Familie" Gerät im kapitalismus immer mehr zum arbeitsverhältnis, mit den eltern als kapitalisten & ihren kindern als den lohnabhängigen arbeitern. Kein kapitalist Nimmt auch nur einen einzigen arbeiter bedingungslos An – sie Sind ihm menschenmaterial, jeweils gerade so viel wert wie sie Leisten. Derart auf leistung Konditionierte kinder Empfinden den arbeitsplatzverlust als direkt existenzbedrohend, weil sie nach ihrer kindheitserfahrung damit die berechtigung zu Existieren Verlieren.
Wer dagegen Aufbegehrt, Ist unwiderbringlich Verloren.

⇒ "Das hammer uns verdieeent!" !!!!
"Erst die Arbeit, dann das Vergnügen"
PCM: Urschuld

Montag, 12. August 2002

Was ist eigentlich "Politik"?

In der CDU läuft eine wahlkampftaktische Diskussion über Reformpolitik. Politiker wie "Experten" halten gewisse Reformen für notwendig, während die BürgerInnen sie überwiegend ablehnen. Denn diese Reformen tun ihnen (finanziell) weh. Beiträge & Steuern aller Art steigen, Leistungen werden gekürzt. Aus Expertensicht ist das der Preis, den die Bevölkerung für die Zukunftssicherung zahlen muss.

Wieso gibt es überhaupt eine Experten-/Politikersicht & eine "Otto Normalverbraucher"-Sicht? & wieso stehen sich diese beiden konsequent unversöhnlich gegenüber? Politiker versuchen meist vergebens, dem Wahlvolk die Notwendigkeit ihrer Entscheidungen zu "vermitteln". Folglich unterlassen sie viele unliebsame Entscheidungen - die durchaus objektiv angebracht wären - um wiedergewählt zu werden.

Rufen wir uns ins Gedächtnis, was "Demokratie" bedeutet: Herrschaft des Volkes. Des ganzen, versteht sich. Entscheidungen, die das gesamte Volk betreffen, müssen auch von allen mitgetragen werden. Dazu müssen alle BürgerInnen über die grundlegenden Fragen einer menschlichen Gemeinschaft bescheid wissen. Bei Lichte besehen sind jene Fragen gar nicht besonders kompliziert; es kann also jedeR mitreden mit einem Minimum an Allgemeinbildung. Schon da versagt die Schule, die selbst AbiturientInnen als wirtschaftliche AnalphabetInnen entlässt.

Viel mehr noch mangelt es an dem Bewusstsein, dass Ökosteuer, Rentenreform, Zuwanderungsgesetz usw. uns alle existenziell angehen & nicht wie eine Naturkatastrophe über uns hereinbrechen. Politik ist das ureigenste Interesse aller Menschen, sofern sie nicht ausgerechnet als Eremiten auf irgendeinem Berg hausen. Mitentscheiden, wie die jeweils eigene Gemeinschaft ihre anstehenden Aufgaben organisiert, & was ihre grundlegenden Ziele sind - das & nichts anderes bedeutet für mich politisches Handeln.

Eine Gesellschaft, die auf den Prinzipien von Herrschaft & Gehorsam aufbaut, münzt das natürlich zu der grosszügigen Entscheidungsfreiheit um, auswählen zu dürfen wer uns die nächsten 4 Jahre beherrscht. Zugleich zementiert sie die Trennung in politische Kaste & Wahlvolk. Letzteres soll gar kein politisches Bewusstsein entwickeln. Inzwischen fällt vielen ja schon gar nicht mehr auf, welche Wahlversprechen die Regierungen im einzelnen brechen.

Wir brauchen heute weniger eine ausserparlamentarische Opposition (die war schon Ende der 60er unzureichend) als eine gesamtgesellschaftliche Öffentlichkeit, die auch die Parlamente in die Debatte mit einbezieht. Eine solche Kommunikationsstruktur darf keine Themen ausklammern, darf gerade nicht die strikte Trennung in "öffentliche" vs. "private" Belange beibehalten. Gerade die als "privat" deklarierten Bereiche des Lebens stellen ein politisches Problem ersten Ranges dar. In der Bildungsdebatte wird die Diagnose bereits seit längerem gestellt, die Schule müsse zunehmend die Aufgabe übernehmen, Fehler der familiären Erziehung auszubügeln. Statt nun aber den Schluss zu ziehen, besagte Familienverhältnisse politisch & öffentlich zu behandeln, schiebt mensch alle Verantwortung den Eltern zu. Dabei sind die jetzt schon hoffnungslos überfordert, gerade weil gesellschaftliche Normen & wirtschaftliche Zwänge extrem hohe Ansprüche an sie stellen. Wer arbeitslos ist, weil die kapitalistische Wirtschaft einfach immer weniger Arbeitskräfte braucht, gilt nach wie vor als "Versager". Das Schicksal dieses Menschen, das Folge ganz bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse ist, wird ihm ganz allein zugeschrieben. Eine wahrhaft orwellsche Leistung, das scheitern der Beziehung UnternehmerIn - AngestellteR auf das Versagen eines der Beteiligten zu reduzieren.

Nahezu alle vermeintlich "persönlichen" Probleme entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Beziehungsprobleme irgendeiner Art, d.h. an dem Konflikt sind mehrere Menschen beteiligt (meist auch deutlich mehr als 2!). Folglich kann das Problem nur von allen Beteiligten durch Kommunikation gelöst werden. & genau das bedeutet für mich Politik.

Donnerstag, 2. Mai 2002

Auschwitz - Ausdruck einer lebensfeindlichen Kultur

Bericht vom Zen-Retreat im Lager Auschwitz und Birkenau (26.04. bis 01.05.2002, mit Wolfgang Buchhorn)

Vor dem Versuch, einen roten Faden zu finden, eine Linie, an der entlang ich meine Erfahrungen in dem Lager schildern kann, wo vor sechzig Jahren Anderthalb Millionen Menschen industriell ermordet wurden, kapituliere ich. Allein schon diese Zahl sprengt jede (Ab-) Geschlossenheit, widersetzt sich jedem Begreifen.

Was ist Meditation? Und warum Meditieren ausgerechnet in Auschwitz? Es geht (zumindest im Zen) darum, wahrzunehmen was ist, das genaue Gegenteil von einem Rückzug in sich Selbst. Wobei sich Selbst wahrzunehmen natürlich dazugehört. Nichts soll ausgeklammert werden.
Das bedeutet in Auschwitz in erster Linie, sich dem zu stellen, was dort geschehen ist. Nicht nur blosses Ansammeln von Fakten, von Wissen. Ohne geht es wohl kaum, doch entscheidend ist, sich auf die Ereignisse der Vergangenheit einzulassen, eine Verbindung zu suchen. Auch zum Auschwitz von heute.

Anderen davon mitzuteilen, die nicht an diesem Ort waren und sich auf diese Weise damit befasst haben, wird nur sehr bruchstückhaft gelingen; genauso bruchstückhaft wie mein Einblick in das vergangene Grauen. Ein Verb, das auf die Geschehnisse passt, ist mir bis heute nicht eingefallen. Was die Nazis ihren Opfern »angetan« haben – nein, das reicht überhaupt nicht hin. Wenigstens ein Adjektiv habe ich gefunden: monströs.

Als einziger Gedanke zog sich durch meinen gesamten Aufenthalt, solche Monströsitäten sind nur möglich in einer Kultur, die das Leben mit der grösstmöglichen Kraft verneint und verkehrt. Das haben wir doch alle gemein, mit allen Bakterien, Tieren, Pilzen, Pflanzen: wir leben. Kein anderes Lebewesen ist überhaupt fähig zu dem, was Menschen in Auschwitz auf die Spitze getrieben haben: Leben wegzuwerfen. Alle anderen Lebewesen (ausgenommen domestizierte Tiere) töten nur, um Selbst weiterzuleben. Oder um das Leben ihrer Kinder bzw. Gefährten zu bewahren. Einzig wir Menschen haben das Töten zum Selbstzweck gemacht.

Gefangen zu sein – das war mein erster Eindruck. Und mit ihm der erste Widerspruch. Zwischen den beiden Reihen Elektrozaun entlangzugehen, die das Stammlager umgeben. Jederzeit links oder rechts zwischen den Betonpfeilern hindurchgehen zu können. Damals stellte der Zaun für die Gefangenen eine unüberwindliche Barriere dar; oder auch die Gelegenheit, ihrem Leiden vorzeitig ein Ende bereiten zu können. Viele warfen sich verzweifelt in den Zaun. Alles erschien ihnen leichter als so weiterzuleben. Womit habe ich das Privileg verdient, heute dort kommen und gehen zu können wie mir beliebt?
Dabei ist es der Göttin sei Dank kein Privileg, sollte für alle Menschen, alle Lebewesen selbstverständlich sein. Weshalb ist es ein Privileg, mich frei bewegen zu können, so muss die Frage lauten. Eine der vielen Fragen, die Auschwitz an mich stellte. Mir stellte, damit ich gemeinsam mit den Verantwortlichen der Welt (die allzuoft zutiefst unverantwortlich handeln) sie beantworte durch unser Tun. Indem wir eine Welt ohne Stacheldrahtzäune schaffen.

Neben den Verzweifelten gab es selbst hier, am Ort des Schreckens, wo die menschliche Kultur unendlich flach geworden ist, Hoffnung. Das B in dem Spruch »Arbeit macht frei« hatten die Arbeiter auf dem Kopf eingebaut als Zeichen des Widerstands. Sie kämpften darum, sich ihre Würde zu bewahren. Die kleinsten Dinge waren von unschätzbarem Wert. Das sind sie immer; diese Lehre gilt es in Zeiten des Wohlstands und der relativen Freiheit zu bewahren. Wer die kleinen Dinge nicht schätzt, hat keine Achtung vor Grossem. Denn das Leben umfasst alles von der kleinsten Mikrobe bis zum gesamten Erdball.

Die Ausstellungen der geraubten Gegenstände sind ein Mahnmal für das, was passiert wenn der Kapitalismus bis an sein logisches Ende getrieben wird. Menschen als Ware. Einen ganzen Raum voller Haare gibt es im Museum im Stammlager. Teppiche haben sie daraus gemacht. Berge von Schuhen. Die Beute eines einzigen Tages. Fabriken verarbeiteten sie zu Kunstleder. Mit heimlich eingesteckten Goldzähnen bestachen Arbeiter des Sonderkommandos die SS-Männer. Um Menschen auf so eine Weise zu »verwerten«, muss ein Mensch vom Leben gänzlich abgetrennt sein. Anders liesse sich der Schmerz des Mit-Fühlens, des Mit-Leidens gar nicht ertragen.
Wir sind heute immer noch weitgehend abgestumpft, wenn auch sicher nicht in einem Ausmass wie die SS. In Rom »amüsierte« sich das Volk mit »Spielen«, bei denen Menschen aufeinander gehetzt wurden zum tödlichen Kampf. Wir sehen uns mit heimlicher Begeisterung Big Brother an. Bei diesem Bild werden Gemeinsamkeiten wie Unterschiede deutlich. Wohin die Richtung weist, hin zu einer lebensbejahenden Kultur oder erneut zu einer (Un-) Kultur der Missachtung des Lebens, das ist die entscheidende Frage.

Mir läuft es deshalb kalt den Rücken runter, wenn Marxisten die Vernichtung »lebensunwerten Lebens« ausschliesslich unter ökonomischen Gesichtspunkten analysieren. Sicherlich geht das. Natürlich geht das. Diejenigen im NS-Apparat, die an ihren Schreibtischen die Vernichtung planten, taten nichts anderes.

Weil sich gerade alles in mir sträubt weiterzuschreiben, ja weiterzudenken, füge ich hier einen Auszug aus meinem Tagebuch ein.
Nach Birkenau gingen wir zu Fuss. Dort angekommen zog ich mir die Schuhe aus. Das tat ich bei allen meinen Aufenthalten im Lager. Einerseits ist der Kontakt auf diese Weise direkter, andererseits ist das auch eine Ehrerbietung.
Auf den Schienen der Rampe überkam mich wieder ganz stark dieser Eindruck: das ist hier eine Sackgasse. Die Gefangenen wurden im Lager mit den Worten begrüsst »Dies ist ein Konzentrationslager. Hier kommt ihr nur durch den Schornstein des Krematoriums wieder raus!« und wir heute kommen und gehen wie es uns gefällt.

Nach einer kurzen Strecke zwischen Stacheldraht setzte ich mich zum Meditieren hin. Mit geschlossenen Augen, wenn du nur spürst und hörst, ist Birkenau ganz friedlich – die Lerchen singen, Bäume rauschen im Wind, Hummeln umschwirren dich. Und es blühen Löwenzahn und andere Pflanzen. In den Klärbecken schwimmen Fische, in den Klärgruben quaken die Frösche.
Das Leben hat sich wieder häuslich eingerichtet. Gut so: das Leben ist stärker, es lässt sich nicht endgültig vernichten. Doch komme ich mit diesem Widerspruch nicht klar.

Mein Weg führt mich zum Krematorium V. Im Waldstück davor mussten oft die Menschen warten, weil die Gaskammer noch nicht wieder frei war. Ich stellte mir vor, gerade selektiert worden zu sein, nun da zu sitzen und darauf zu warten, dass ich endlich duschen kann. So muss es den Ahnungslosen damals doch gegangen sein.
Die Schwelle zum Krematorium konnte ich erst nach mehreren Versuchen überschreiten. Ich legte meine Sachen dort ab, wo der Raum zum Ausziehen gewesen ist, und zog dort auch meine Jacke aus. Wieder der Gedanke: Ich kann nachher wieder meine Jacke anziehen, meine Sachen nehmen und gehen. Für die Tausenden Todgeweihten war es endgültig.
Dort, wo vor sechzig Jahren Menschen zu Hunderten mit Insektenvernichtunsmittel vergast wurden, kniete ich in Trauer und Demut auf dem Boden. Musste mich dann hinlegen, bei ihnen sein, sie nicht allein lassen. Es kamen dann Leute, aber von denen lasse ich mich nicht vertreiben. Auch nicht von dem kurzen Regenschauer. Solche Nichtigkeiten verblassen angesichts des Grauens.

Mit tiefer Demut begegne ich den Menschen, die umgebracht wurden. So trage ich meinen winzigen Teil bei, ihre Würde wiederherzustellen, die sie sich Selbst bewahrten, die ihnen jedoch von ihren Peinigern genommen wurde.

Eine Ausstellung mit Bildern ehemaliger Häftlinge des Lagers brachte mich erneut aus der Fassung. Auf einigen wenigen Bildern wurden nämlich Frauen gezeigt, die sehr schön waren und sogar erotisch anziehend wirkten. Inmitten ausgemergelter, kranker Menschen, die die Hässlichkeit des Elends zeigen. Besonders blieb mir ein Bild einer schönen, stolzen Frau im Gedächtnis, die nackt in der Gaskammer vor zwei verschlagenen und grobschlächtigen SS-Männern steht. Sie passte so überhaupt nicht in die verbreitete Vorstellung von Halbverhungerten, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen. Sie prägten schliesslich das Bild in einem Lager, dessen einziger Zweck es war, Gefangene durch Arbeit umzubringen.
Als nächstes gingen wir in die Roma-Ausstellung, in der ich aber nicht lange blieb. Spätestens der Film von spielenden Kindern, die später bis auf einige wenige alle in Auschwitz umkommen sollten, nagelte mich auf der Frage fest »wie können Menschen diesen Kindern Böses wollen?« Kurz gesagt beschäftigte mich die Frage nach dem Warum, und dafür nützten mir die vielen Fakten nichts. Ich setzte mich draussen hin und grübelte.

Nach wie vor ist mir unbegreiflich, wie jemand Menschen in Kategorien stecken und sie dann wegen ihrer Kategorisierung verurteilen kann. Und mehr als das: zu Millionen umbringen. Das geht nicht in meinen Kopf hinein. Ich glaube noch nie auch nur einen vagen Bezug dazu gehabt zu haben, eine andere Person nach ihrer Herkunft, Sprache, Religion usw. zu be- geschweige denn verurteilen. Ein Türke, eine Jüdin, ein Kind aus China waren für mich durchaus irgendwie anders als ich. Das ist aber jeder andere Mensch. Einen Türken zu hassen weil er Türke ist wäre mir nie in den Sinn gekommen; wenn er mir etwas Schlimmes angetan hätte, würde ich ihn ausschliesslich für seine Tat hassen. Die Juden wurden aber von den Nazis massenweise ermordet weil sie Juden waren. Und nun lese ich, dass das in der Sowjetunion und sogar noch in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Argentinien geschehen ist. Fassungslos bleibt mir nur, für die Ermordeten in aller Welt mahnend meine Stimme zu erheben.

Im Krieg herrschen gänzlich andere Bedingungen als in einem Vernichtungslager. Den Soldaten wird von Anfang an die eine Regel des Krieges eingebleut, »er oder ich!« Nur so wird es ihnen möglich, ihre Tötungshemmung zu überwinden: indem sie sich als bedroht, als potentielles Opfer auffassen, das sich verteidigen muss. Ist ein Krieg erst einmal begonnen, dann läuft sein Räderwerk wie geschmiert durch diesen einen Satz »er oder ich.«
Jene Schmiere konnte in einem Vernichtungslager nicht funktionieren; die Peiniger und Mörder konnten mit all ihren Sinnen eindeutig wahrnehmen, dass sie die einzig Gefährlichen vor Ort waren, dass die Häftlinge unbestreitbar ihre Opfer waren. Selbst wer vor seinem Dienstantritt in Auschwitz oder in anderen Lagern geglaubt hatte, die »jüdische Weltverschwörung« sei unglaublich mächtig und kurz davor, sich das gesamte deutsche Reich zu unterwerfen, musste sich seiner eigenen Überlegenheit den einzelnen konkreten jüdischen Gefangenen bewusst sein. Und es kamen ja nicht nur Juden; ihnen allein jedoch wurde Gefährlichkeit für das »deutsche Volk« attestiert.

Dieter Duhms Satz »der Mensch ist für sich Selbst verantwortlich« kam mir sehr bald in den Sinn. Er hat zwei Seiten, denn einerseits ist jeder Mensch ganz für sich Selbst verantwortlich (also nichts und niemand sonst), zum anderen ist mensch für nichts mehr verantwortlich als für sich Selbst. Keine der beiden Bedingungen sind in unserer Kultur erfüllt.
Wenn Eltern »stolz« auf die Leistungen ihrer Kinder sind, dann machen sie diese zu Erweiterungen ihrer selbst, verleiben sie sich ein. Genauso funktioniert das »ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.« Damit verleibt mensch sich das gesamte Deutsch-Sein ein, das ganz viel umfasst, was ganz und gar ausserhalb der Einzelnen liegt. Mein deutscher Pass ist reiner Zufall. Und auch die »Deutsche Kultur« (die als solche vom Staat her definiert wird) kann ich zwar meinetwegen ganz toll finden, aber stolz sein, wie soll das gehen?
Mit einem solchen »Wir«, sei’s nun ein nationales, ein subkulturelles oder was auch immer für eins, verschaffen die Menschen sich konstruierte Nähe. Die soll echte Nähe, an der es ganz massiv mangelt, ersetzen. »Wir Deutschen« kennen uns doch zu 99,9999% gar nicht gegenseitig. Das sind immerhin 80 Millionen...
Dazu kommt, dass Nähe, wenn sie konstruiert ist, unbedingt die Ausschliessung braucht. »Die anderen« sind der notwendige Gegenpol zu »Wir«. Es fällt schon sehr schwer, sich als »wir Menschen« zu fühlen, und so mancher »Humanist« muss dem reflexartig »die Tiere« entgegensetzen. Die sind nämlich kategorisch keine Menschen, radikal anders.
Das führt dann zu Sätzen der Art: Untermenschen sind »wie Tiere«. Speziesismus entlarvt sich hier als Grundlage des Rassismus. Frauen sind selbstverständlich auch »wie Tiere«, höchstens auf halbem Weg zwischen Tier und Mensch stehengeblieben. Humanistische Werte greifen eindeutig zu kurz, weil sie nicht die Heiligkeit des Lebens als solches anerkennen, sondern eben nur die Würde des menschlichen (= »männlichen«) Lebens. Würde ist jedoch allgemeines Kennzeichen jeden Lebens. »Lebensunwertes Leben« kann nicht existieren, jedes Leben ist wert zu leben, sonst wäre es gar nicht da.
Die andere Seite der Medaille ist der Befehlsgehorsam, vermittels dessen mensch einen Teil seiner Verantwortung an den Befehlsgeber abtritt. Zumindest für die befohlene Handlung bin ich nicht mehr Selbst verantwortlich. »Sachzwänge« dienen als Vorwand, sich vor seiner Verantwortung zu drücken.

Direkt zur Frage »warum« fiel mir ein, dass die SS-Leute vielleicht gerade deshalb mit ihren Opfern so grausam umgegangen sind, um sich Selbst irgendwie zu beweisen, dass die Heiligkeit des Lebens für jene Menschen gar nicht gilt. Wenn jemand einen Jungen mit Benzin begiesst, anzündet, auf den Zaun zulaufen lässt und ihn kurz vorher erschiesst, denkt der sich dann möglicherweise »Siehste, mit denen kann man’s ja machen«? Das eigene Gewissen wird abgeschaltet, auch indem mensch sich immer wieder vergewissert, dass Verbrechen keine negativen Folgen haben. Wenn Verbrechen zu deinem Alltag wird, dann erscheint es dir nicht mehr als Verbrechen. Wenn du dem Leben die Heiligkeit absprichst, erscheint Mord nicht mehr als Sakrileg.
Nicht nur bildet meine Einstellung den Rahmen für mein Verhalten gegenüber anderen Lebewesen, sondern ich kann diesen Rahmen auch bewusst überschreiten und durch mein Handeln meine neue Einstellung bestimmen. Das wirkt in beide Richtungen: Vermutlich hatten die meisten SS-Leute zu Beginn massive Skrupel. Indem sie trotzdem (auf Befehl!) grausam zu den Häftlingen waren, wandelte sich mit jeder sadistischen Schandtat ihre Einstellung gegenüber ihren Opfern, bis jene wirklich Untermenschen waren, mit denen man alles machen konnte. Umgekehrt ist es schwerer, wie ich befürchte. Denn einen Rassisten/Sexisten/Nazi müsste mensch ja zunächst mal dazu bringen, mitmenschlich zu handeln, bis sich dessen Einstellung ändert.
Interessant in dem Zusammenhang das Christentum mit seinem »die Welt ist schlecht.« Kehrseite der Medaille: wir (Christen) sind die Guten. Kann das zu obigem »mit denen kann man’s ja machen« führen?

Was die Opfer, die Täter und mich Selbst verbindet, sind unerfüllte Sehnsüchte. Denn auch die SS-Leute haben sich ganz bestimmt nicht ihre tiefsten Sehnsüchte erfüllt durch sadistische Quälerei. Ihren Opfern zerstörten sie mit dem Leben auch deren Sehnsüchte; sie konnten nicht zulassen, dass andere (und gerade die »Untermenschen«) Erfüllung finden.
Ein Gedanke zur »Volk ohne Raum«-Ideologie ist, dass gerade die im preussischen Militarismus gedrillten Deutschen sich nach Raum sehnten um sich zu entfalten. Das Versprechen, Lebensraum im Osten zu bekommen, sprach möglicherweise die Sehnsucht an, endlich mal frei durchatmen und wachsen zu können. Die Sehnsucht liess sich sehr gut in territoriale Expansionsgelüste kanalisieren.

Weil ich am ersten Tag gar nicht in geschlossenen Gebäuden war, legte ich am Montag darauf meinen Schwerpunkt. Ich landete im Frauen-Konzentrationslager im Bauabschnitt I. Dort machte ich in einer Baracke eine Gehmeditation. In einer weiteren Baracke machte ich mein Vorhaben wahr, das ich seit dem vorigen Abend hatte: ich sang für die Gefangenen. Zuvor meditierte ich kurz. Es kostete mich sehr viel Überwindung, und die Trauer überwältigte mich fast. Aber ich wollte doch ein klein wenig Lebensfreude dort hineintragen, aus dem starken Drang heraus, etwas von mir zu geben. Damit die Opfer wenigstens nachträglich ein bisschen an dem freien Leben teilhaben können, das wir heute trotz allem führen. Durch das Singen kam ich den Gefangenen näher als bisher.

Der letzte Tag war der tiefste, was auch an unserer Gemeinschaft lag. Heute fuhren wir gleich um neun nach Birkenau und machten dort alles gemeinsam. Erst meditierten wir wieder in der gleichen Baracke wie gestern, wo’s mir noch schwindliger wurde als gestern. Dann machten wir eine Gehmeditation, einmal durch die ganze Baracke und dann draussen den Weg lang. Mir wurde klar, dass ich jetzt einen Teil der Last trage, so viel wie ich eben tragen kann. Das bin ich den Toten schuldig. So setzte ich Schritt vor Schritt, trug dabei die Bürde wie ein Sargträger bei einem Trauerzug.
Draussen fragte ich mich, was trage ich da eigentlich, und schnell kam mir, das ist die Missachtung des Lebens.

Und da erfuhr ich, dass das auch meine eigene Schuld ist, die ich da trage. Denn als Kind habe ich Ameisen verbrannt, einfach so, getötet um des Tötens willen. Sie waren Ungeziefer für mich, lebensunwertes Leben. Meine eigene Lebensfeindlichkeit stand mir so klar wie nie zuvor vor Augen. Wo das Feuer abgebrannt ist, da ist zunächst einmal überhaupt kein Leben mehr, steril. Und Nicht-Leben z.B. in Form von Maschinen ist beherrschbar, berechenbar. Darum ging es mir. Leben macht was es will, damit kam ich nicht klar. Es sollte alles berechenbar sein, ohne Willkür.
Der nächste Gedanke: Zyklon B – Insektenvernichtungsmittel.
Nun steht fest, dass ich die Last nicht einfach irgendwo absetzen kann, ich muss diese meine Schuld irgendwie umwandeln. Aus dem Tod soll Leben wachsen.

Schwer war der Weg zum Teich, in den die Asche geschüttet wurde. Dort während der Meditation änderte sich jedoch die Perspektive; der Geist des Ortes zeigte mir, es kommt auf die Heiligkeit des Lebens an. Wir müssen eine Kultur (wieder-) erschaffen, in der Menschen Zärtlichkeit an die Stelle der Konkurrenz setzen. Eine Kultur, die nicht wie im Krieg »er oder ich« denkt, sondern die den ersten Schritt des Vertrauens wagt. Erfüllt von einer Vision des Friedens verabschiedete ich mich von den Geistern der Toten.
Als nächste Station meditierten wir vor dem Krematorium II, und das kam mir vor wie auf einem anderen Planeten. Die schieren Ausmasse der Gaskammer konnte ich nicht fassen, sie überstiegen meine Vorstellungskraft und so entstand auch nicht mal andeutungsweise eine Nähe zum Geschehen.
Zum Abschluss meditierten wir auf der Rampe. Wolfgang stellte die Frage in den Raum »was bedeutet Selektion, wo selektieren wir heute?« Mir kam dabei zuerst die kapitalistische Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt in den Sinn. In einer Broschüre des Arbeitsamtes über Bewerbungen heisst es »Das Unternehmen muss in kurzer und prägnanter Form davon überzeugt werden, dass der Kandidat zur offenen Stelle und zum Unternehmen passt – und zwar besser als die zahlreichen Mitbewerber.« Personalabteilungen selektieren potentielle Arbeitskräfte. In meinem Leben spielte bisher die Selektion in »Nützlinge« und »Schädlinge« (Ameisen!) die einzig nennenswerte Rolle.

Den stärksten Schmerz bereitete mir die jüdische Totenklage, die wir uns zum Abschluss im Stammlager anhörten. Weinend kniete ich vor dem Grabmal mit dem Davidsstern. Vor solch millionenfachem Leid ist Demut die einzig menschliche Haltung.
Und zur gleichen Zeit prangt der Davidsstern auf israelischen Panzern, die auf PalästinenserInnen schiessen.
Das ist der letzte und für mich grösste Widerspruch jenes Ortes.


Auschwitz eignet sich nicht dafür, irgendetwas damit zu rechtfertigen. Schon gar nicht einen Krieg, wie das unser Aussenminister Joseph Fischer getan hat. Denn aus welchem Grund kommt überhaupt jemand auf die Idee, eine Handlung rechtfertigen zu müssen? Doch wohl weil der Verdacht besteht, es könnte unrecht sein. Nur wenn lebendigen Wesen ein Leid angetan wird, besteht Bedarf zu Rechtfertigungen. Die Opfer von Auschwitz rufen uns dazu auf, das soweit es irgendwie möglich ist zu unterlassen. Sie rufen uns mit zwingendem Ernst die Heiligkeit und Würde allen Lebens in Erinnerung. Eine Heiligkeit, die in Freude und Lust ihre höchste Entfaltung findet.

Freitag, 15. März 2002

direkte aktion

Margaret Rhondda: "Heutzutage muß fast jede Frauenorganisation erkennen, daß es mehr Reformerinnen als Feministinnen gibt und daß die Sucht, sich zu entschließen, den Mitmenschen zu helfen und wohltätig zu wirken, weit verbreiteter ist als der Wunsch, allen Menschen die Macht, über sich selbst zu verfügen, in die Hände zu geben."

Herbert Marcuse: "In einer repressiven Gesellschaft sind individuelles Glück und produktive Entwicklung in einem Widerspruch zur Gesellschaft; wenn sie als Werte definiert sind, die in der Gesellschaft realisiert werden sollen, werden sie selbst repressiv"

Daraus Folgt: Nur anarchismus, d.h. ausstieg aus dem bestehenden patriarchalen system ohne sich daraus Zurückzuziehen, Führt uns in eine lebenswerte zukunft. Direkte Aktion.
Z.B. daß die soldaten Desertieren, einfach alle befehle Verweigern. Oder die arbeiterInnen Streiken, jedoch nicht für mehr lohn o.ä., sondern um sich die produktionsmittel Anzueignen. & im anschluß in freien assoziationen die produktion Weiterführen & an ihre (=unsere) bedürfnisse Anpassen.

Dienstag, 11. September 2001

voll von der BüSo gepackt

Die Anschläge vom 11. September deutete ich als starke Bestätigung der Theorien der BüSo, bei der ich damals schon ein Dreivierteljahr Mitglied war. Bis zu diesem Tag hatte ich mich jedoch noch nicht aktiv an Mitgliederwerbung oder Demonstrationen beteiligt.
Hier nun die Mail, die ich direkt am 11. September schrieb:
From tollech@techfak.uni-bielefeld.de Tue Sep 11 17:39:48 2001
From: Timo Ollech
To: ;;;@undisclosed-recipients;
Subject: Wir alle tragen Verantwortung

Liebe Freundinnen und Freunde!

Die Welt steht am Scheideweg. Wir sind alle gefordert, für eine neue gerechte Weltordnung einzutreten. Die einzige mir bekannte Organisation, die sich dafür einsetzt und Konzepte hat, ist die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (www.bueso.de).
Die Weltwirtschaft braucht eine Neuordnung nach dem Vorbild des Systems von Bretton Woods, mit festen Wechselkursen, Kapitalverkehrskontrollen und Schutzzöllen, damit Spekulation und "Freihandel" nicht die Völker ausplündern können. Des weiteren ist ein großangelegtes Infrastrukturprogramm nötig, mit Krediten langer Laufzeit (25 Jahre), ebenso langfristigen Rohstofflieferverträgen zwischen Staaten, damit so etwas wie die derzeitige Ölpreisexplosion nicht mehr möglich ist.
Nur eine solche Entwicklungsperspektive für die ganze Menschheit kann einen Nahostkrieg verhindern, der vielleicht in den Dritten Weltkrieg ausartet.
Das Konzept "Neues Bretton Woods" wird hier näher erläutert: http://www.bueso.de/seiten/bretton.htm

Ich bitte Euch alle inständig, für diese Vorschläge aktiv einzutreten und wenn möglich mit der BüSo in Kontakt zu treten. Darin sehe ich die einzige Möglichkeit, die Weltkrise noch abzuwenden. In einer Krisenzeit wie dieser reicht es nicht, sich persönlich zu engagieren, wir brauchen eine Organisation, mit der wir unser aller Interesse durchsetzen können.
Die Bewegung um Lyndon LaRouche, zu der auch die BüSo gehört, ist in über 40 Ländern aktiv und steht in Kontakt mit Diplomaten und hohen Regierungsvertretern. Nur indem wir diese Möglichkeiten nutzen, Einfluß darauf zu nehmen, daß die Verantwortlichen das Richtige tun, haben wir eine Chance.

In Liebe

Timo Ollech

Mittwoch, 21. März 2001

Sprechen und Schreiben Muß Fließen

Im deutschen Werden nach konvention nomen, also wörter, die dinge Bezeichnen, groß Geschrieben. Unsere sprache Bewertet also dinge höher als das, was man Tut. Dabei Kommt es doch darauf an, was wir Tun, was in der welt Geschieht. Was Ist und Bleibt, Braucht nicht Hervorgehoben zu Werden, wohl hingegen was sich Verändert. Denn das einzige gleichbleibende im leben Ist die veränderung. Das Möchte ich Betonen und Herausstellen, indem ich fortan die verben groß Schreibe, die nomen dafür klein.
Namen Sind die einzige ausnahme von dieser schreibtransformation, denn in der handlung Verbindet die handelnde person sich untrennbar mit dem, was sie Tut. Zudem Werden alle personen prozeßhaft, wenn wir ihre namen gleich den verben groß Schreiben, während die dingworte klein Geschrieben Werden. Ich Bin schließlich kein ding, ich Lebe. Und Leben Heißt Handeln.
Ich Reise mit dieser neuen art zu Schreiben in ganz andere erfahrungen, die sehr wertvoll Sein Werden, daher Ermutige ich auch dich, deinen geist wie ich dem neuen zu Öffnen. Lebe dein leben aktiv, Genieße es und Mach etwas daraus. Laß dich nicht Berieseln und dir Einreden, die welt Bestehe aus all den dingen, die du da draußen Siehst. Schon Heraklit Hat Erkannt, daß alles Fließt. Die welt Ist das, was jetzt gerade Passiert.

Samstag, 20. Januar 2001

KapitaStalinismus

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks kann man ja "befreiter" über den Gegensatz des westlichen Systems (Kapitalismus) und des östlichen Systems (Stalinismus - von Kommunismus im Sinne von Marx & Lenin kann nicht die Rede sein) spekulieren. Die Kapitalisten waren (1) von Anfang an davon ausgegangen, daß der Stalinismus scheitern muß und weniger leistungsfähig ist. Angesichts dieser Überzeugung verwunderte es (2) viele, daß er sich so lange gehalten hat und in den 70 Jahren seiner Existenz "erstaunlich" leistungsfähig war (er brachte immerhin solche Dinge wie Sputnik, Mir usw. zustande).

Zu (1): Begründet wurde und wird dies immer damit, daß in der UdSSR und ihren Satellitenstaaten das Privateigentum zugunsten des kollektiven Staatseigentums eingezogen wurde. Was allen gehört (aber niemand im speziellen) wird angeblich nicht so verantwortlich behandelt wie Privateigentum, und die Motivation zu wirtschaften sei viel geringer (weil der Staat im Zweifelsfall für einen sorgt). So geht die Sage. Bevor man ihr glaubt, sollte man sich mit dem Begriff Entfremdung auseinandersetzen. Er stammt bekanntlich von Marx, auf den sich auch die russischen Revolutionäre beriefen. Inhaltlich besagt er, daß in einer arbeitsteiligen (kapitalistischen) Wirtschaft niemand die Früchte seiner Arbeit selbst nutzt und oft noch nicht einmal erfährt, wer letzten Endes was damit macht.
Na, dämmert's? Der selbsternannte "Marxist-Leninist" Stalin trieb im zentralistischen System des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe die Arbeitsteilung (auch und vor allem international!) und damit die Entfremdung auf die Spitze. In gewisser Weise war damit die Sowjetunion der Vorreiter der Globalisierung und hätte sich bestimmt über die heutigen Kommunikations- und damit Koordinationsmöglichkeiten (24h-Arbeitstag rund um den Globus) gefreut. In dieser wahnwitzigen Entfremdung, die mit ihren Kolchosen u.ä. noch viel weiter ging als im Westen, wo zumindest viele Kleinbauern, Handwerker oder "Tante Emmas" die Früchte ihrer Arbeit selbst verkaufen konnten, liegt meines Erachtens die Hauptursache für die gesamtwirtschaftlich geringere Leistungskraft des Stalinismus.
Der Trend des Kapitalismus zur Konzentration von Reichtum brauchte seine Zeit, um den Zustand zu erreichen, den die russische Revolution auf einen Schlag per Staatsstreich durchsetzte.

Zu (2): Ich sprach eben schon von "Konzentration von Reichtum". Dieses Schlagwort verbindet man gemeinhin mit dem Kapitalismus, und es ist auch dessen hauptsächliches Zugpferd. Erst als sich der Kapitalismus entwickelt hatte, der es einzelnen Personen ermöglicht, (mittelbar) über große Mengen materieller Ressourcen zu verfügen, waren z.B. die Expeditionen der Renaissancezeit möglich. Bei einer breiten Streuung der Verfügungsgewalt über materielle Güter braucht es nämlich das Einverständnis von vielen, solche Aktionen durchzuführen. Sehr wahrscheinlich hätten die meisten Menschen lieber so weitergelebt wie bisher, als einen Teil ihres materiellen Besitzes für derartig waghalsige Fahrten über die Weltmeere abzugeben - oder gar mitzufahren.
Damit landen wir wieder beim Stalinismus. Moment - da gibt es aber doch gar kein Privateigentum? Das ist schon richtig, alles gehört allen. Aaber: Nicht etwa alle bestimmen auch, was damit gemacht werden soll. Sondern die Partei; sie hat schließlich immer Recht. Die faktische Verfügungsgewalt hatten also auch im Stalinismus nur einige wenige, und ihre Privilegien gingen sogar noch weiter als die eines noch so mächtigen Monopolkapitalisten. Dieser Kapitalist hat immer nur ein Monopol in einem bestimmten Wirtschaftsbereich - Stalin & Co. hingegen konnten die gesamte sowjetische Volkswirtschaft kontrollieren!
Meine These ist also: Sowohl im Kapitalismus als auch im Stalinismus (nennen wir ihn ruhig "Staatskapitalismus") kontrolliert eine relativ kleine Gruppe von Menschen die materiellen Ressourcen. Sie kann damit - in Grenzen - tun was sie will. Sie braucht vor allen Dingen nicht das Einverständnis all dieser "lästigen" arbeitenden oder arbeitslosen Massen dafür. Dafür sorgt im Kapitalismus das bürgerliche Recht, im Stalinismus der Unterdrückungsapparat von KGB bis Stasi. So gesehen ist es schon verwunderlich, wie sich in Artikel 14 des deutschen Grundgesetzes dieser Zusatz "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen" (ok, das geht noch - Allgemeinwohl kann man sich so zurechtdefinieren, wie's grad paßt) und erst recht "Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig..." eingeschlichen hat. Enteignung - in einem kapitalistischen Land!
Jedenfalls wäre natürlich die ganze Geschichte, aber insbesondere auch die technische und wirtschaftliche Entwicklung ganz anders gelaufen, wenn die breite Masse gefragt worden wäre, was mit ihrem Eigentum (obigem "Allgemeinwohl" in meinem Sinne) anzustellen sei. Menschen waren ja lange Zeit auch bloß Eigentum der herrschenden Schicht. Im Jugoslawien Titos wurde die Arbeiterselbstverwaltung zu einem gewissen Grad verwirklicht; dafür handelte er sich die Feindschaft der "Kommunistischen Internationale" ein - Ironie des Schicksals. Marx und Lenin würden mit hoher Drehzahl in ihren Gräbern rotieren, wenn sie diese Entwicklung mitbekommen hätten.

In diesem Zusammenhang muß betont werden, daß ich mit "leistungsfähig" immer das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem als Ganzes meinte. Die Auswirkungen auf die einzelnen Menschen habe ich in meiner Analyse nur hinsichtlich ihres Effekts auf die Gesamtleistung beurteilt. Es gilt nun, eine Balance zwischen der Gemeinschaft und dem Individuum zu finden. Meine Hypothese ist, daß diese Balance für beide die beste Lösung ist, daß also die Gemeinschaft davon profitiert, wenn sich ihre Mitglieder nicht der Gemeinschaft unterordnen, sondern freiwillig miteinander kooperieren.
Kritik an dieser Hypothese geht meist in die Richtung, daß es "in der Natur des Menschen liege", egoistisch zu sein und nur zu kooperieren, wenn man muß. Mit anderen Worten sei Zwang doch nötig, weil sonst gar keine Kooperation zustande käme.
Adam Smith & Co. gehen auch davon aus, daß Unterordnung schlecht ist, aber auch Kooperation sei oft schlechter als Konkurrenz - das bekannte Bild von der "unsichtbaren Hand". Jeder handelt egoistisch und alle haben etwas davon. Das ist natürlich Quatsch, wie man über sehr lange Zeit empirisch feststellen konnte.
Das Problem unserer Zeit liegt darin, daß außer in einigen Stammeskulturen diese freiwillige Kooperation ganz fern liegt, es wechselten sich über weite Strecken der Geschichte Zwang und die "unsichtbare Hand" ab. Aus diesem Grund fällt es uns so schwer, an eine tiefe Solidarität zu glauben, die von Herzen kommt. Wir sind konditioniert, sie für unmöglich zu halten, unseren Kindern wird sie von Anfang an ausgetrieben. Sicher gibt es Ausnahmen (sonst wüßte ich auch nichts davon), Menschen, die in sich spüren, daß es falsch ist, das Elend anderer Menschen zu ignorieren, und die ihnen helfen, ohne dabei eine Kosten-Nutzen-Abschätzung durchzuführen. Das System lebt jedoch von "Anti-Solidarität".
Es bleibt also dabei, die wirtschaftliche Entwicklung wäre vollkommen anders gelaufen, aber nicht notwendigerweise langsamer. Sie wäre vermutlich ganz andere Wege gegangen, keine Unterdrückungs- und Ausbeutungstechnologien sondern Kooperationstechnologien geschaffen (OK, ich polarisiere hier, es ist mehr ein Trend, kein Entweder-Oder). Die Entstehung des Internet zeigt, daß es diesen Trend auch immer gegeben hat. Wir müssen ihn verstärken.

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Guten Tag FremdeR! Du bist hier beim Blog eines (Forschungs-) Reisenden zu Gemeinschaften & Kommunen gelandet. Unterwegs bin ich seit Ende Juli 2005, seit ca. Sommer 2006 inzwischen wieder sesshaft. Mehr über mich & mein Projekt erfährst Du im Startschuss-Beitrag. Darin erkläre ich auch, wie Du diesen Blog "bedienst"!
Im Beitrag Eine neue Kultur fasse ich meinen bisherigen Lebens-Schwerpunkt zusammen - darum geht es mir, nicht nur in diesem Blog.

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