Montag, 17. Oktober 2005

Wer gegen den Krieg ist, braucht deshalb noch lange keine Vision für den Frieden

Dieser Beitrag versteht sich als Diskussionsaufruf speziell an das ZEGG, aber auch an alle anderen Gemeinschaften & alternativen Projekte, die sich als "konkrete Utopie" verstehen. Im ZEGG gibt es dazu den Spruch
Wer gegen den Krieg ist, braucht eine Vision für den Frieden.
Auf den ersten Blick leuchtet das ein, denn Frieden nur als das Gegenteil von Krieg zu definieren, füllt den Begriff nicht mit sonderlich viel Inhalt. Dem ZEGG geht es um eine positive Vision des Friedens.

Für mich definiere ich Frieden so: Wenn Menschen friedlich zusammenleben, dann wenden sie keine Gewalt an. Ihre - immer vorhandenen - Konflikte tragen sie gewaltfrei aus.
Damit sage ich nichts darüber aus, wie dieses gewaltfreie Zusammenleben konkret auszusehen hat, denn das handeln die Menschen permanent untereinander aus. Für mich gibt es da kein Modell, an dem sich irgendjemand zu orientieren hätte.

Utopien bergen immer die Gefahr von Gewaltanwendung. Denn sie sind eine bestimmte Vorstellung, wie das menschliche Zusammenleben organisiert sein soll. Was aber ist mit denjenigen, die diese Vorstellung nicht teilen?
Karl Popper & Hans Albert haben diese Gefahr von Utopien in mehreren Schriften beschrieben. Zu den Möglichkeiten, mit Konflikten umzugehen, füge ich noch das Einfühlsame Zuhören bzw. die Gewaltfreie Kommunikation hinzu. Dabei geht es nicht von vornherein um das rationale Aushandeln von Kompromissen, sondern viel grundlegender darum, der jeweils anderen Partei überhaupt erst einmal zuzuhören. Das ist ein Zeichen von Respekt, dass ich der/dem Anderen Raum gebe, bevor ich mein eigenes Anliegen vorbringe.

Aus diesem Grund ist mir auch die Gewaltfreiheit ein höherer Wert als Gerechtigkeit. Ob ich etwas als gerecht oder ungerecht empfinde, ist immer subjektiv. Gewalt hingegen definiere ich mit dem Wikipedia-Artikel als "Einwirkung auf einen anderen, der dadurch geschädigt wird." Darunter fällt - als Strukturelle Gewalt - auch das System des globalen Kapitalismus. Ob dieser gerecht oder ungerecht ist, darüber lässt sich trefflich streiten - während unterdessen Millionen von Menschen hungern, leiden & sterben. Dass diese Menschen leiden, weil ihnen Gewalt angetan wird, ist für mich eindeutig.

Ich suche nicht nach der "besten aller Welten", ich setze mich dafür ein, dass diese Welt in der wir leben auch lebenswert für alle Menschen wird, wobei die anderen Lebewesen darunter auch nicht unnötig leiden dürfen. Das ist oft ein Stolpern im Glashaus, wie ein schöner Artikel im Neuen Deutschland dazu überschrieben ist.
Konkret heisst das: Bananen & Kaffee kaufe ich, wenn überhaupt, dann fair gehandelt. Elektrizität beziehe ich von den Elektrizitätswerken Schönau oder von Greenpeace energy. Kleidung kaufe ich gebraucht, oder ich informiere mich bei der Kampagne für saubere Kleidung, welche Produkte unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt werden. Mein Girokonto habe ich bei der GLS Gemeinschaftsbank.
Wenn es in einem Bereich noch keine Möglichkeit gibt, gewaltfrei zu konsumieren, zu produzieren oder generell zu leben, dann tue ich mich mit Gleichgesinnten zusammen & gestalte diese Möglichkeit selbst. Z.B. indem ich eine alte Burg kaufe & dort eine anarchistische Kommune gründe ;-)

& wenn mal wieder ein Krieg ansteht, widerSetze ich mich im Rahmen der resist-Sitzblockaden & weigere mich Steuern für den Krieg zu zahlen (siehe auch DFG-VK). Wenn's nicht anders geht, gehe ich dafür ins Gefängnis wie Henry David Thoreau, der dazu schrieb:
Under a government which imprisons any unjustly, the true place for a just man is also a prison.
(Civil Disobedience)

Zum Abschluss lasse ich die Gegenseite zu Wort kommen: Plädoyer für politische Utopien im Linksnet. Ich bleibe dennoch bei meiner utopiekritischen Position, jedenfalls was die Versuche einer konkreten Utopie angeht. Denn dabei wird versucht, die Utopie tatsächlich zu leben, & sobald das dann zur Norm erhoben wird, kommt Zwang ins Spiel: "Würde man Utopia verwirklichen, so erhielte man in der Tat einen totalitären Staat mit einer auf einen Zweck festgelegten Beglückungsstrategie. Nutzt man Utopia aber als kritische Folie für die eigene Herkunftsgesellschaft und damit vor allem als intellektuelles Gedankenexperiment, dann erkennt man den Wert der politischen Utopie."
In konkreten Utopien liegt damit die von Popper beschriebene Gefahr, während eine als reines Gedankenexperiment verstandene Utopie harmlos ist. Nun verstehen sich aber gerade viele Gemeinschaften als konkrete Utopien. Die Folge ist mehr oder minder starker Gruppenzwang. Deshalb meine Kritik an dieser Stelle.
Es stellt sich heraus, dass der Linksnet-Artikel gar nicht die Gegenposition ist, sondern meinen Standpunkt unterstützt: "Wer Utopien verwirklichen will, der entutopisiert sie."
"Die Utopie darf nicht umgesetzt werden, auf diese Formel lassen sich die Aussagen von Autoren wie Rousseau, Diderot, Voltaire oder d’Alembert zurückführen."

Der im Artikel erwähnte Richard Saage hat bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Reihe von Aufsätzen zu Utopien veröffentlicht, die eventuell meinen Standpunkt modifizieren könnten. Allerdings wird's ne Weile dauern, die zu lesen...

Wo wir grad bei Rosa Luxemburg sind, schliesse ich diesen Beitrag mit ihrem bekannten Zitat
Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.

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Guten Tag FremdeR! Du bist hier beim Blog eines (Forschungs-) Reisenden zu Gemeinschaften & Kommunen gelandet. Unterwegs bin ich seit Ende Juli 2005, seit ca. Sommer 2006 inzwischen wieder sesshaft. Mehr über mich & mein Projekt erfährst Du im Startschuss-Beitrag. Darin erkläre ich auch, wie Du diesen Blog "bedienst"!
Im Beitrag Eine neue Kultur fasse ich meinen bisherigen Lebens-Schwerpunkt zusammen - darum geht es mir, nicht nur in diesem Blog.

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